Machtkampf um die Spitze der Vereinten Nationen: Frauen aus Lateinamerika kämpfen um das höchste UN-Amt
Bei den Vereinten Nationen ist ein intensiver Machtkampf um das Amt des Generalsekretärs entbrannt. Erstmals in der 80-jährigen Geschichte der Organisation könnte eine Frau an ihre Spitze treten. Zu den Bewerbern gehören einflussreiche Diplomatinnen und Diplomaten aus Lateinamerika und anderen Regionen der Welt. Doch die eigentliche Entscheidung fällt hinter den verschlossenen Türen des UN-Sicherheitsrates, wo die USA, Russland und China den Ausgang der Wahl maßgeblich beeinflussen können. Wer wird António Guterres nachfolgen, und wem wird die Führung der Vereinten Nationen in Zeiten globaler Konflikte anvertraut?

Bei den Vereinten Nationen ist ein intensiver Machtkampf um einen der einflussreichsten diplomatischen Posten der Welt entbrannt. Erstmals in der 80-jährigen Geschichte der UN könnte eine Frau das Amt der Generalsekretärin übernehmen. Zu den prominentesten Bewerberinnen gehören Vertreterinnen Lateinamerikas. Doch hinter den verschlossenen Türen des Sicherheitsrates entwickelt sich ein weitaus komplexeres diplomatisches Machtspiel.
Der amtierende UN-Generalsekretär António Guterres wird sein Amt nach zwei fünfjährigen Amtszeiten am 31. Dezember 2026 niederlegen. Seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger soll die Amtsgeschäfte am 1. Januar 2027 übernehmen.
Die Wahl einer neuen Führungspersönlichkeit findet in einer Zeit schwerwiegender internationaler Krisen statt: Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert an, im Nahen Osten bestehen weiterhin bewaffnete Konflikte, die humanitäre Lage im Sudan verschärft sich, und die Vereinten Nationen selbst stehen vor erheblichen finanziellen und politischen Herausforderungen.
Vor diesem Hintergrund geht die Bedeutung der Wahl des nächsten UN-Generalsekretärs weit über eine gewöhnliche Personalentscheidung hinaus.
Die entscheidende Frage: Wer erhält die Unterstützung der Großmächte?
Nach dem festgelegten Verfahren wird der Generalsekretär von der UN-Generalversammlung auf Empfehlung des Sicherheitsrates ernannt.
Entscheidenden Einfluss auf die Auswahl haben jedoch die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates: die USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien.
Jedes dieser Länder verfügt über ein Vetorecht und kann damit eine Kandidatur blockieren, selbst wenn sie von einer Mehrheit der übrigen Ratsmitglieder unterstützt wird.
Genau hier liegt die größte Spannung des aktuellen Auswahlverfahrens.
Bei den informellen Abstimmungen im Sicherheitsrat erhielten die Kandidatinnen und Kandidaten sowohl positive als auch negative Bewertungen. Bislang ist es keiner der Bewerbungen gelungen, den erforderlichen Konsens zu erreichen.
Rebeca Grynspan – eine der zentralen Figuren im Rennen
Besondere Aufmerksamkeit internationaler Diplomaten gilt Rebeca Grynspan aus Costa Rica.
Die ehemalige Vizepräsidentin ihres Landes verfügt über umfangreiche Erfahrung in internationalen Organisationen. Sie war unter anderem Generalsekretärin der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD).
Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters vom 7. Oktober erhielt Grynspan bei der fünften informellen Abstimmung des Sicherheitsrates neun Stimmen der Unterstützung und sechs negative Bewertungen.
Dieses Ergebnis ermöglichte es ihr, ihre aussichtsreiche Position im Rennen um die Führung der Organisation zu behaupten. Gleichzeitig machte es jedoch die erheblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mitgliedern des Sicherheitsrates deutlich.
Selbst neun positive Stimmen garantieren keine Ernennung: Keine der fünf ständigen Mächte darf ein Veto gegen die betreffende Kandidatur einlegen.
Lateinamerika schickt mehrere Frauen ins Rennen
Neben Grynspan bewerben sich weitere Vertreterinnen Lateinamerikas und der Karibikregion um das Amt.
Zu ihnen gehört María Fernanda Espinosa, ehemalige Präsidentin der UN-Generalversammlung und frühere Außenministerin Ecuadors.
Guyana wird durch die erfahrene Diplomatin Carolyn Rodrigues-Birkett vertreten, die ebenfalls bereits das Außenministerium ihres Landes leitete.
Eine weitere Bewerberin ist die ecuadorianische Diplomatin Ivonne A-Baki, deren Kandidatur vom pazifischen Inselstaat Tonga vorgeschlagen wurde.
Alle vier Frauen nehmen an einem internationalen diplomatischen Auswahlverfahren teil, das mit einer historischen Ernennung enden könnte.
Das Rennen beschränkt sich allerdings keineswegs auf Bewerberinnen aus Lateinamerika.
Zu den weiteren Kandidaten gehören der argentinische Diplomat Rafael Mariano Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), sowie der ehemalige ugandische Diplomat Olara Otunnu.
Am 21. Oktober trat außerdem Lana Zaki Nusseibeh, eine erfahrene Diplomatin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, in das Auswahlverfahren ein.
Unerwartete Wende: Chiles ehemalige Präsidentin scheidet aus dem Rennen aus
Eine der bekanntesten Bewerberinnen war zunächst die ehemalige chilenische Präsidentin Michelle Bachelet.
Ihre Kandidatur wurde im Februar 2026 gemeinsam von Chile, Brasilien und Mexiko vorgeschlagen.
Bachelet verfügte über umfassende internationale Erfahrung, darunter ihre Tätigkeit als Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte.
Im Verlauf der Kampagne veränderte sich jedoch die politische Situation.
Chile zog seine Unterstützung im März zurück. Am 21. September nahmen auch Brasilien und Mexiko die Nominierung offiziell zurück.
Damit schied Bachelet aus dem Auswahlverfahren aus – eine der bemerkenswertesten Wendungen im bisherigen Verlauf des Rennens.
Erstmals seit acht Jahrzehnten könnte eine Frau die UN führen
Seit der Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945 wurde das Amt des Generalsekretärs ausschließlich von Männern ausgeübt.
Nun könnte sich dies ändern.
Befürworter einer weiblichen Führungspersönlichkeit sehen in einer solchen Entscheidung ein wichtiges Symbol für den Wandel der internationalen Diplomatie und die stärkere Vertretung von Frauen in höchsten Führungspositionen.
Auch die geografische Herkunft spielt eine bedeutende Rolle.
Lateinamerika hat wiederholt eine gerechtere regionale Vertretung in internationalen Institutionen gefordert.
Bislang war der peruanische Diplomat Javier Pérez de Cuéllar, der das Amt von 1982 bis 1991 innehatte, der einzige UN-Generalsekretär aus dieser Region.
Allerdings garantieren weder das Geschlecht noch die geografische Herkunft eine endgültige Entscheidung. Ausschlaggebend bleibt die Zustimmung der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates.
Eine neue Herausforderung für die USA, Russland und China
Die Wahl des nächsten UN-Generalsekretärs findet vor dem Hintergrund eines tiefen Misstrauens zwischen den führenden Weltmächten statt.
Die USA, Russland und China vertreten unterschiedliche Positionen zur internationalen Sicherheit, zu Sanktionen, bewaffneten Konflikten und zur Rolle globaler Institutionen.
Die künftige Führung der Vereinten Nationen wird deshalb nicht nur diplomatische Erfahrung benötigen, sondern auch die Fähigkeit, funktionierende Beziehungen zu Staaten aufrechtzuerhalten, deren Interessen häufig unmittelbar miteinander kollidieren.
Erschwert wird die Situation durch die finanziellen Probleme der Organisation, den wachsenden Druck auf das internationale System humanitärer Hilfe und die anhaltenden Auseinandersetzungen über eine Reform des Sicherheitsrates.
Die neue Generalsekretärin oder der neue Generalsekretär wird eine Organisation übernehmen, von der entschlossenes Handeln erwartet wird, deren Handlungsmöglichkeiten jedoch durch die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihren einflussreichsten Mitgliedstaaten erheblich eingeschränkt sind.
Eine Entscheidung, die das Gesicht der Vereinten Nationen verändern könnte
Bis zum Ende der Amtszeit von António Guterres bleiben nur noch etwas mehr als zwei Monate.
Der Sicherheitsrat setzt seine Konsultationen fort, während die Mitgliedstaaten ihre diplomatischen Bemühungen zur Unterstützung ihrer jeweiligen Kandidaturen intensivieren.
Der Ausgang bleibt weiterhin offen.
Die entscheidende Frage lautet inzwischen nicht mehr nur, wer António Guterres nachfolgen wird. Die Welt erwartet auch eine Antwort darauf, ob es der neuen UN-Führung gelingen kann, den Vereinten Nationen angesichts der zunehmenden Konfrontation zwischen den Großmächten wieder mehr Einfluss zu verschaffen.
Sollte die Wahl auf eine der weiblichen Kandidatinnen fallen, würden die Vereinten Nationen erstmals in ihrer Geschichte von einer Frau geführt werden.
Voice of Deutschland | Deutschland. Europa. Welt.